Recap: Besichtigung Vitra Campus
Besichtigung des Vitra Campus in Weil am Rhein: Architektur, Produktion und eine offene Fragerunde
Mehr als 300.000 Menschen besuchen den Vitra Campus jedes Jahr. Am 30. September waren wir dabei, mit einer Führung über das Gelände und einer Fragerunde mit Sven Wehlmann, Geschäftsführer von Vitra Deutschland.
Über den Campus: Doshi Retreat, Produktion und Citizen Office
Anna Loose und Chiara Probst haben uns über den Campus geführt. Erste Station war das Doshi Retreat, der jüngste Bau auf dem Gelände. Ein schmaler Weg führt zwischen Wänden aus Cortenstahl hinunter, oben wachsen Gräser, und am Ende öffnet sich ein runder Raum mit Gong und goldener Decke. In der Ausstellung nebenan haben wir gesehen, wie das Projekt entstanden ist.


Zur Führung gehörte auch ein Blick in die Produktion. Dort haben wir zugeschaut, wie der Aluminium Chair gefertigt wird. Charles und Ray Eames haben ihn 1958 entworfen und dabei auf die Sitzschale verzichtet: Eine Stoff- oder Lederbahn wird straff zwischen zwei Seitenteile aus Aluminium gespannt und passt sich so dem Körper an. Vitra produziert das Programm seit Jahrzehnten und gibt auf ausgewählte Modelle 30 Jahre Garantie.
Dass die Stühle so lange halten, wird im hauseigenen Testzentrum geprüft. Dort durchlaufen die Möbel Belastungs- und Härtetests, die 15 Jahre Nutzung simulieren. Erst danach zertifizieren unabhängige Prüfinstitute sie offiziell, etwa mit dem GS-Zeichen. Für Bürodrehstühle gilt dabei die Norm DIN EN 1335, für Besucherstühle die DIN EN 16139. Vitra geht weiter als verlangt: Die Norm für Bürodrehstühle fordert 16 Einzelprüfungen, im Testzentrum sind es bis zu 54.
Danach ging es ins Citizen Office, in dem Vitra selbst arbeitet. Dort sieht man, wie das Unternehmen Arbeitsplätze denkt: offene Flächen, Rückzugsorte und Sofas mitten im Büro.






Fragerunde mit Sven Wehlmann
Im VitraHaus erwartete uns Sven Wehlmann. Er ist seit 14 Jahren bei Vitra und hat selbst ein Jahr lang im VitraHaus gearbeitet. Auf der Sitztreppe hat er eine gute halbe Stunde lang unsere Fragen beantwortet.
Was ist im Moment der härteste Gegenwind?
Die Stimmung. Unternehmen halten Investitionen zurück, und viele haben noch nicht entschieden, wie ihr Büro künftig aussehen soll. Ob eine gekündigte Homeoffice-Regelung der richtige Weg ist, bezweifelt Sven. Er setzt auf Büros, in die Menschen gern kommen.
“Wir wollen, dass die Leute Bock haben, ins Büro zu kommen. Das ist unser Ansatz.”
Kosten lange Laufwege im Büro nicht Arbeitszeit?
Bei Vitra sind die Wege zum Drucker, zur Kaffeemaschine und zur Toilette absichtlich weit. Wer unterwegs ist, trifft Kolleginnen und Kollegen und klärt Dinge nebenbei. Sven nennt das Serendipity und räumt ein, dass geplanter Zufall ein Widerspruch in sich ist. Es gibt auch den umgekehrten Fall: In der Softwareentwicklung sollen sich Entwicklung und Test manchmal bewusst nicht über den Weg laufen.
Seid Ihr noch auf Messen?
Mit eigenem Stand kaum noch. Vitra hat sich vor einigen Jahren bewusst davon entfernt und zeigt sich in Messestädten lieber im eigenen Showroom. Der Campus ist als Ziel so stark, dass Vitra die Menschen lieber nach Weil am Rhein holt. Rund 350.000 kommen laut Sven jedes Jahr.
Wie geht Ihr gegen Fälschungen vor?
Mit einem eigenen Team, das unter anderem mit Kreditkartenanbietern zusammenarbeitet, um den Fälschern den Geldfluss abzudrehen. Ganz in den Griff bekommt man es nicht. Sven saß selbst schon in einem Restaurant, das komplett mit kopierten Stühlen eingerichtet war.
Was macht KI mit dem Büro?
Vitra hat das in einem internen Hackathon durchgespielt: Was passiert, wenn in einem Büro mit 250 Leuten jede und jeder mit dem eigenen KI-Agenten spricht? Was heißt das für die Akustik und für die Menschen am Nachbartisch? Mit solchen Szenarien schaut Vitra drei bis fünf Jahre voraus.
Wo steht Vitra in zehn Jahren?
Svens Wunsch: mehr Bekanntheit in der breiten Masse. Und dass Zusammenarbeit im Büro trotz KI nicht verloren geht.




Bascule: Probesitzen im neuen Sessel
Eine Antwort konnten wir danach direkt ausprobieren. Auf die Frage, ob Vitra auch jüngere Zielgruppen erreichen will, erzählte Sven von Bascule, dem neuen Loungesessel. Entworfen haben ihn Lisa Ertel und Anne-Sophie Oberkrome vom Berliner Studio Œ. Vitra hat übrigens keine eigenen Designer: Die Produkte entstehen zwischen den Ingenieuren im Haus und Designerinnen und Designern von außen.
Der Kontakt zu Studio Œ kam über einen Umweg zustande. Die beiden haben in Karlsruhe Design studiert und einen Schalenstuhl aus Formholz entwickelt. Das Vitra Design Museum wurde aufmerksam und kaufte ihn für seine Sammlung, so lernte man sich kennen. Bascule folgt der Körperhaltung von aufrecht bis fast liegend, ganz ohne Hebel. Einige von uns haben das im VitraHaus ausgiebig getestet.
Bascule ist mit zwei Designerinnen aus Berlin entstanden, eine ganz andere Herangehensweise, und super bequem.
Danke an Ahmad Nikmanesh, Max Meier, Benjamin Steenblock und Florian Vasseur, die diese Besichtigung gemeinsam mit Anna Loose und Chiara Probst auf die Beine gestellt hat, an Sven Wehlmann für die offenen Einblicke und an das VitraHaus für die top Verköstigung.
Du willst beim nächsten Mal dabei sein? Alle kommenden Termine findest Du unter in unserem Veranstaltungskalender.

